Arendt, Hannah 
 
deutsch/amerikanische Philosophin, *14. Oktober 1906 bei Hannover, 4. Dezember 1975 in New York
Hannah Arendt ist die bekannteste deutschstämmige Philosophin des 20. Jahrhunderts. Sie gehört zu den wenigen Frauen in der Philosophiegeschichte, der von den männerdominierten akademischen Zirkeln die Anerkennung nicht verwehrt wurde. Bereits in jungen Jahren kam sie mit den bekanntesten deutschen Philosophen des Jahrhunderts in Kontakt. Sie studierte bei Heidegger und Bultmann, später bei Husserl und Jaspers, wo sie 1928 mit der Dissertation Der Liebesbegriff bei Augustin (1929) promovierte. Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung war eine Universitätskarriere für A. nicht möglich. Und das Judentum war auch Arendts erstes Forschungsthema. Die Biographie Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik, zeigt die Zeit der jüdischen Salons, Aufenthaltsort der Parias und Parvenüs. A. stellt die Theorie auf, daß die Juden immer gefangen bleiben zwischen den Gegensätzen Paria und Parvenü, zwischen Unterdrückung und völliger Aufgabe ihrer Identität. Während der Emigration und dem Krieg schrieb sie zahlreiche Artikel. Ihre großen philosophischen Arbeiten entstanden ab den 50er Jahren.
A.s Gesamtwerk hat zwei Schwerpunkte, zum einen ihre politischen Texte, die vor allem die Unterdrückung und die Möglichkeiten der Befreiung daraus zum Thema haben, und zum anderen ihre philosophischen Texte, in denen sie den theoretischen Überbau zur Befreiung liefert. Ihre beiden philosophischen Haupttexte Vita activa und Vom Leben des Geistes sind so angelegt, daß sie zusammen das ganze Spektrum des menschlichen Denkens und Handelns umfassen. A.s politisch-historisches Hauptwerk The Origins of Totalitarism analysiert die Konzentrationslager der Nazis. Sie sind grundlegende Institutionen einer durch Ideologie und Terror geprägten Staatsform. In der von ihr bevorzugten Dreiteilung beschreibt sie Antisemitismus, Imperialismus und Rassismus und entwickelt ihre Theorie des Totalitarismus. 1958 erschien ihre Philosophie des Handelns, des Herstellens und Arbeitens, The Human Condition. Darin formuliert sie den Glauben an politische Freiheit, denn das Handeln ist das Vermögen etwas Neues anzufangen. 1961 war A. als Berichterstatterin des New Yorker beim Eichmann-Prozeß anwesend. Das daraufhin entstandene Buch Eichmann in Jerusalem, erregte großes Aufsehen und Kritik, machte A. aber auch international bekannt.

Neben ihren zahlreichen Publikationen übte Arendt eine umfangreiche Lehrtätigkeit an amerikanischen Universitäten aus. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Lessing-Preis, die Emerson-Thoreau Medaille, den Sigmund-Freud-Preis, den Kopenhagener Sonning-Preis.

Werk: Sechs Essays, 1948; Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 1955; Fragwürdige Traditionsbestände im politischen Denken der Gegenwart, 1957; Wahrheit, Freiheit und Friede, 1958; Die Krise in der Erziehung, 1958; Rahel Varnhagen, 1959; Vita Activa oder Vom tätigen Leben, 1960; Über die Revolution, 1963; Eichmann in Jerusalem, 1964; Benjamin - Brecht, 1971; Wahrheit und Lüge in der Politik, 1972; Crisis of the Republic, 1972; Macht und Gewalt, 1975; Die verborgene Tradition, 1976; Gespräche mit Hannah Arendt, 1976; The Jewish as Pariah, 1978; Vom Leben des Geistes, 1979; Briefwechsel 19261969, 1985; Das Urteilen, 1985; Zur Zeit, 1986; Essays & Kommentare. I. Nach Auschwitz, II. Die Krise des Zionismus, 1989; Menschen in finsteren Zeiten, 1989; Was ist Existenzphilosophie? 1990; Israel, Palästina und der Antisemitismus, 1991; Was ist Politik? 1993; Besuch in Deutschland, 1993; Übungen im politischen Denken I. Zwischen Vergangenheit und Zukunft, 1994; Essays in Understanding: 19301954, 1994.

Weiterführende Literatur:  Philosophinnen-Lexikon,  Die Welt der Philosophin IV

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