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Philosophin des Monats August

      

Edith Stein

Am 11. Oktober 1998 wurde Edith Stein heilig gesprochen. Inzwischen nennt man Schulen, Straßen und Klöster nach ihr. Doch sie ist nicht nur als Märtyrerin in Auschwitz gestorben, sie war auch eine engagierte, feministisch orientierte Philosophin.

Stein gehörte zu den ersten Generationen von Studentinnen an den deutschen Universitäten. Sie studierte bei Edmund Husserl und war mit Hedwig Conrad Martius befreundet.

Ihr Thema war der Mensch und seine Beziehung zur Gemeinschaft. Dazu passt ihr Interesse an Psychologie. Eine Arbeiten dieser Phase befasst sich mit dem Wollen und Handeln des Menschen. Er darf sich nicht zerrissen zwischen zwei Möglichkeiten fühlen, sondern muss seine Seele befreien.

Nach ihrer Konversion stellte sie den Menschen in einen größeren Zusammenhang, das Sein. Mit ihrer Abhandlung Endliches und ewiges Sein bezieht sie sich auf Thomas von Aquin. Dieser erweitert die Beziehung von Möglichkeit und Tätigkeit des Menschen auf die metaphysische Ebene. Dadurch werden sie Merkmale des Absoluten, also Gottes.

Auszug aus: Die Welt der Philosophin Teil 4, Aachen  1998

Edith Steins Gesamtwerk läßt sich, analog zu ihrem Lebensweg, in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase wird bestimmt von Vordenkern wie Husserl und Reinach, in deren Umkreis sie sich bewegte und deren phänomenologischer Ansatz sich auch in ihren frühen philosophischen Schriften zeigt. Die zweite Phase wird von ihren Schriften zur Pädagogik und Frauenbildung geprägt. Zu dieser Zeit war sie bereits dem christlichen Glauben verpflichtet, setzte aber auch ihre persönlichen Erfahrungen und das Scheitern ihrer eigenen beruflichen Karriere in Reformvorschlägen um. In der dritten Phase schließlich ist Stein wieder bei der Philosophie angelangt, aber nun bei der christlichen Philosophie der Kirchenväter. Sie schreibt ihre umfangreichen Abhandlungen über Thomas von Aquin und Johannes vom Kreuz.

Steins philosophisches Denken der ersten Phase wird am umfassendsten in ihrer Studie Einführung in die Philosophie dokumentiert, deren Manuskript im Anschluß an ihre Dissertation entstand; veröffentlicht wurde die Arbeit posthum aus ihrem Nachlaß. Wie in ihrer Doktorarbeit, Zum Problem der Einfühlung, geht sie detailliert auf ihre Vorstellung von Philosophie ein und analysiert die Bereiche Naturphilosophie und Subjektivität. In phänomenologischer Manier versucht Stein das Wesen der Philosophie zu bestimmen, indem sie die Methode der Reduktion anwendet (subjektive Elemente werden eingeklammert, um die reine Wesensbeschreibung zu ermöglichen). Dadurch bestimmt sie die Philosophie als Wissenschaft, deren Aufgabe in der Erklärung der Natur und des Bewußtseins liegt: sie „hat das Ziel, die Welt zu verstehen“.

Die Naturphilosophie muß, so Stein, Fragen und Begründungen erörtern, die die Naturwissenschaften unhinterfragt voraussetzen. Diese können nicht durch Experimente, sondern nur denkerisch geklärt werden; sie betreffen Begriffe wie Natur, Ding, Raum, Zeit oder Bewegung, die nur wesensmäßig erfaßbar sind. Ihre Analyse mündet in die Untersuchung der Naturerkenntnis als philosophischer Fragestellung, in der sich Stein mit den Problemen der Wahrnehmung und der Erkenntnis befaßt.

Das Thema Bewußtsein betrachtet sie mit derselben Akribie und auf den phänomenologischen Grundlagen Husserls. Bewußtsein, reines Ich oder Leiblichkeit sind Begriffe, die auf ihren philosophischen Lehrer verweisen. Aber Stein verläßt auch die vorgegebenen Wege und wendet sich, stärker als Husserl, dem Individuellen zu. Sie geht auf charakterliche Eigenarten, psychologische und religiöse Seelenbegriffe ein und befaßt sich ausführlich mit der Eigen- und Fremderfahrung. Ihre Analysen des Bewußtseins und der Person münden in eine Auseinandersetzung mit den „Wissenschaften von der Subjektivität“, Psychologie, Physiologie und Psychophysik.

Ihre zweite Phase, die durch das Scheitern ihrer Universitätskarriere und durch ihre Hinwendung zum Glauben bedingt war, ist nun dem Problem der Psyche und den Bildungsmöglichkeiten der Frauen gewidmet. Zu der Zeit, als sich Stein mit der Psychologie der Frau befaßte, gab es zwar bereits den wissenschaftlichen Anspruch diese zu kennen, aber kaum psychologische Untersuchungen, auf die sie sich hätte stützen können. Sie gehört also zu den Wegbereiterinnen in der Beschäftigung mit der Psyche der Frau und deren Unterschied zum Mann.

Wie viele andere Philosophinnen vor ihr stellte auch Edith Stein schnell fest, daß das Schulsystem ihrer Zeit ausschließlich auf die Bedürfnisse des männlichen Geistes zugeschnitten war. Zwar hatte man die Lehrpläne und Anforderungen inzwischen auch auf Mädchen ausgedehnt, doch ohne deren Besonderheiten zu berücksichtigen. Deshalb stellte sie folgende Forderungen für Mädchenschulen auf: gemütbildende Erziehung müsse an die Stelle einseitiger intellektueller Bildung treten. Der Lehrstoff müsse so ausgewählt und behandelt werden, daß er die spontane Einstellung der Mädchen auf die lebendige Wirklichkeit und den konkreten Menschen befördert. Das religiöse Moment ist für diesen Erziehungsgrundsatz natürlich unbedingt notwendig: da „die Erziehung des Mädchens zu echtem Frauentum der religiösen Grundlage bedarf, da diese Notwendigkeit im Wesen der Frau selbst begründet ist.“

Für Stein sollen Erziehung und ErzieherIn eine organische Einheit bilden, deren Ziel die Bildung des Zöglings ist. Hintergrund ihrer pä­dagogischen Tätigkeit waren immer drei leitende Gedanken: die Notwendigkeit harmonischer Erziehung, ihre religiöse Begründung und der eigentümliche Charakter der weiblichen Erziehung.

Unter der harmonischen Erziehung versteht Stein einen ganzheitlichen Ansatz, also nicht nur geistige, sondern auch körperliche Erziehung sind notwendig. Dann ist ihre Forderung „nach allseitiger und gleichmäßiger Ausbildung aller von Natur gegebenen physischen und psychischen Kräfte“ erfüllt. Die Idee der harmonischen Erziehung hat Stein in der griechischen Philosophie vorgefunden und auch Auswirkungen davon in der thomistischen Lehre vom Gottesbild in der Schöpfung und im Menschen entdeckt. Im Anschluß an Thomas von Aquin geht Stein davon aus, daß die menschliche Seele ein Gottesbild enthält, das zur Entfaltung gebracht werden muß und zwar durch die Erziehung. Für diesen Prozeß ist sowohl eine übernatürliche Unterstützung durch die Gnade als auch eine natürliche durch die menschliche Bildungsarbeit notwendig. Das ideale Ergebnis ist dann ein Zögling, der sich durch seine innere Zielstrebigkeit der Vollkommenheit annähert.

Besonders für die religiöse Erziehung ist das Harmonieprinzip notwendig, da Religiosität die Einheit der Persönlichkeit verlangt. Eine einseitige Ausbildung könnte zu Konflikten in der religiösen Haltung führen. Um die entsprechende religiöse Grundlage für Steins Erziehungsideal zu liefern, muß der Erzieher oder die Erzieherin selbst die Lehraufgabe als religiöse Berufung verstehen. Dazu gehört, daß sich die Lehrerin von Gott berufen fühlt, die Seele der Schülerin der göttlichen Gnade zu öffnen und die noch verborgenen Kräfte der Gottebenbildlichkeit zu wecken. Lehrerin und Schülerin gehorchen beide Gott, d.h. die Lehrerin handelt nicht eigenmächtig, sondern in einem höheren Auftrag. Die Schülerin unterwirft sich nicht ihr als Mensch, sondern eben dieser höheren Macht.

Die dritte Forderung nach einer mädchenspezifischen Erziehung geht auf Steins ontologische Überlegungen zurück. Sie ist der Meinung, daß sich die Spezies Mensch in zweifacher Gestalt entfaltet, als Mann und als Frau. Die Verschiedenartigkeit der Geschlechter zeigt sich aber nicht nur in der äußeren Gestalt, sondern auch im Wesen; verstärkt wird sie noch durch individuelle Abweichungen innerhalb jeder Spezies. Steins besonderes Augenmerk gilt der Natur der Frau, die sich in drei Komponenten entwickelt: durch die Entfaltung ihres Menschentums, ihres Frauentums und ihrer Individualität. Dabei sind diese drei Aspekte nicht getrennt voneinander zu sehen, sondern bilden eine menschliche und weibliche Natur.

In ihrer Bestimmung des weiblichen Wesens ist Edith Stein sehr konservativ: Die Frau ist natürlicherweise zur Gattin und Mutter berufen. Als Gattin ist sie Gefährtin, Halt und Stütze des Mannes, der Familie und der Gemeinschaft; als Mutter sorgt sie für den Nachwuchs. Trotzdem votiert Stein nicht für die Beschränkung der Frau auf den privaten Bereich, sondern stellt drei Formen vor, in denen sie ihre weibliche Natur erfüllen kann: in der Ehe, in der Ausübung eines Berufes, Priorität bei der Berufswahl sollte die Menschenbildung haben, und unter dem christlichen Schleier.

Auf dieser Grundlage entwickelt Edith Stein ihre Reformvorschläge für die Mädchenbildung. „Das Mädchen muß erzogen werden: zu vollendetem Menschentum. Dazu ist erforderlich, daß es zur ‘Inkorporation in den mystischen Leib Christi’ geführt wird; zu vollendetem Frauentum. ‘Wenn Maria Urbild reinen Frauentums ist, so wird Maria-Nachfolge Ziel der Mädchenbildung sein müssen’; zur Entfaltung der Eigenart, denn echte Bildungsarbeit muß die Individualität des Menschen berücksichtigen. Ihr Ziel ist der Mensch, ‘der ist, was er ganz persönlich sein soll, der seinen Weg geht und sein Werk wirkt. Sein Weg: das ist nicht der Weg, den er sich nach Willkür wählt, sondern der Weg, den Gott ihn führt.’“

Um diese Forderungen zu erfüllen, müssen bestimmte Lehrfächer schwerpunktmäßig unterrichtet werden. Stein erklärt das Gemüt (also menschliche Qualitäten wie Charakter und Gefühl) zum Zentrum der Frauenseele, deshalb müsse im Mittelpunkt der Frauenbildung die Gemütsbildung stehen. Die Mädchen sollen die richtige Einstellung des Gemüts lernen und deren praktische Auswirkung erfahren. Über allen irdischen Werten müssen aber die überirdischen stehen. Zweiter wichtigster Bereich ist die Menschenkunde, zu der Stein die Fächer Geschichte, Literatur, Biologie, Psychologie und Pädagogik rechnet. Aber auch die formal-bildenden Fächer wie mathematisch-naturwissenschaftliche und Sprachunterricht dürfen nicht fehlen, da sie der Verstandesschulung dienen. Um nun schließlich die Ausbildung der Mädchen zu vervollständigen, gehört auch eine entsprechende Berufsausbildung in ihr Konzept. Hier spricht sie sich ausdrücklich gegen gesetzliche Einschränkungen in der Berufswahl der Mädchen aus, da die naturgemäße Entscheidung im Vordergrund stehen müsse, und die sieht für die Frau vor allem fürsorgliche und pflegerische Berufe vor. Eine besonders wichtige Aufgabe der Frauen ist für Stein die Erziehungsarbeit, denn nur vollwertige Frauen können zu echtem Frauentum erziehen. Deshalb ist Mädchenbildung für sie eine spezifische Frauenaufgabe.

Daß sich Stein auch während dieser zweiten Phase mit Philosophie befaßte und die phänomenologische Methode einsetzte, zeigt ein Manuskript mit dem Titel Die ontische Struktur der Person und ihre erkenntnistheoretische Problematik. Die Datierung ist unsicher, aber wahr­scheinlich wurde es zwischen 1932 und ‘33 verfaßt. In diesem Text, den Stein zusammen mit einigen ihrer Schülerinnen erstellt hat, untersucht sie die menschliche Seele. Diese befindet sich einem ständigen Wechselspiel zwischen Impressionen und Reaktionen, zwischen Wollen und Handeln. Um diesem naiven Hin- und Hergerissensein zu entkommen, muß die Seele sich befreien, sie muß erkennen, daß sie nicht von außen beeinflußt werden darf, sondern von oben, bzw. von innen geleitet wird. Die Befreiung der Seele ist aber ohne die eigene Freiheit nicht möglich, denn nur so kann der Mensch sich entscheiden. Die Unterwerfung unter den göttlichen Willen, der Gehorsam, setzt die Freiheit voraus, auch ungehorsam sein zu können. Nur wer sich frei für den Gehorsam entscheidet, kann Gott wirklich dienen. Das bedeutet, wenn das Subjekt etwas mit seiner Freiheit anfangen, sie einsetzen will, dann muß es einen Teil davon aufgeben, sich durch die Entscheidung selbst einschränken und binden.

Wie die Freiheit, muß auch die göttliche Gnade von der Seele ergriffen werden, die Seele muß offen dafür sein. Gnade versteht Stein als den Geist Gottes, der sich der menschlichen Seele annähert; er kann allerdings nicht darin aufgenommen werden, solange die Seele sich nicht frei für die Gnade entscheidet. Die göttliche Gnade kann entweder durch einen menschlichen Mittler oder direkt auf die Seele einwirken. Durch diese Mittlerrolle anderer Menschen entsteht eine Schicksalsgemeinschaft, die durch die gegenseitige Verantwortung für das Heil des anderen zusammenhält. Diese wechselseitige Verantwortung ist gemeinschaftsbildend und die Basis der christlichen Kirche.

Steins letzte Lebensphase, die sie hauptsächlich im Kloster verbrachte, ist gekennzeichnet durch ihre Arbeit mit der christlichen Philosophie. Im Mittelpunkt steht für sie die Suche nach dem Sein und nach dessen Sinn. Diese Suche, während ihrer Beschäftigung mit der Phänomenologie taucht sie als Wahrheitssuche auf, mündet nun in die Frage nach der Sinngebung. In dieser letzten Schaffensphase zeigt sich besonders ihr Verständnis der Verbindung von Philosophie und Theologie, das in Ansätzen bereits in ihrer Dissertation vorliegt, aber durch ihre Arbeit an der Thomas-Übersetzung eine endgültige Ausrichtung bekommt. Höhepunkt dieser Phase ist ihr Hauptwerk Endliches und Ewiges Sein, das sie im September 1936 abschloß. Der Text hat zu diesem Zeitpunkt eine völlige Umarbeitung erfahren und nur der Ausgangspunkt, die thomistische Akt-Potenz-Lehre wurde beibehalten. In diesem Ansatz wird die Potenz als Möglichkeit verstanden, etwas zu tun, als Macht (aktive Potenz ist Gott). Der Akt ist die Wirklichkeit, also die Tätigkeit. Daraus entwickelt Stein ihr Aufstiegsmodell; Ausgangspunkt ist der Mensch, also die Endlichkeit, die für Stein durch die Philosophie repräsentiert wird. Doch der Aufstieg zum ewigen, göttlichen Sein, für das die Theologie steht, ist vorprogrammiert. Akribisch phänomenologisch untersucht sie dann Akt und Potenz als Seinsweisen. Auf der untersten Stufe findet sie das menschliche Sein als nichtiges Sein vor „ich bin nicht aus mir selbst und bin aus mir selbst nichts, stehe jeden Augenblick vor dem Nichts und muß von Augenblick zu Augenblick neu mit dem Sein beschenkt werden.“ Ähnlich den mystischen Philosophinnen des Mittelalters entwickelt Stein dann ein Stufenmodell für den Aufstieg, an dessen Endpunkt die Vereinigung mit Gott steht.

Neuer Mittelpunkt ist nun die Frage nach dem Sein, die Stein in der Auseinandersetzung zwischen thomistischem und phänomenologischem Denken behandelt. Ihr erklärtes Ziel ist es, kein System der Philosophie zu entwerfen, sondern den Grundriß einer Seinslehre. Im Vordergrund steht ihr Streben nach einer übergeschichtlichen Wahrheit, der sie sich im Laufe des Textes annähern will. Dazu bedient sie sich psychologischer und philosophischer Argumente und steuert letztlich auf eine Synthese von Philosophie und Theologie zu. Die Grundlagen ihrer Untersuchung liefern Stein, die hier in scholastischer Manier vorgeht, die Altvorderen der Philosophie, wie Augustinus, Descartes und natürlich Husserl. Daß sich Philosophie und Theologie im Hinblick auf die Wahrheitssuche gegenseitig beeinträchtigen können, ist für Stein, die sich beiden Wissenschaften verpflichtet fühlt, durchaus problematisch. Die Lösung dieses Problems liegt für die gläubige Philosophin darin, ihr menschliches Wissen als etwas Untergeordnetes, Vorletztes, im Gegensatz zur Offenbarung als Letztem und Ganzem zu verstehen. So vertraue sie schließlich auf die Offenbarung einer Glaubenswahrheit, die dann nicht mehr der Gefahr des Irrtums unterliegt, wie dies bei der rein menschlichen Erkenntnis der Fall sei. Dieser göttlichen Wahrheit muß sich jede Gläubige, auch die Philosophin, unterwerfen.

Trotzdem Stein die Vorrangstellung der Theologie anerkennt, ist die Philosophie für sie nicht unnötig geworden, sondern ein menschliches Hilfsmittel zur Ergründung des Seins, hier besonders die phänomenologische Methode. Das Sein wird für sie aber nur verständlich, wenn es auch einen Sinn zu erkennen gibt, und der kann wiederum nur theologisch erfaßt werden.



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