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Philosophin
des Monats Mai
Als Nietzsche-Kritikerin ist die österreichische Helene von Druskowitz bekannt geworden und für ihre Kritik an der Männerwelt wurde ihr Wahnsinn bescheinigt. „2. Seiner Beschaffenheit zufolge ist der Mann seiner Gefährtin unwürdig, ein Ehehindernis und nicht ein Bindeglied. Er paßt überhaupt nicht in den Rahmen der vernunftbegabten Welt. Denn er ist zu roh und lügnerisch, sein Denken zu lückenhaft und weitschweifig, seine äußere Häßlichkeit zu eklatant, als daß er das Leben taktvoll zu beherrschen vermöchte.“ So beschreibt Druskowitz die Hälfte der Menschheit in ihren Pessimistischen Kardinalssätzen, in denen sie dem Mann Unfähigkeit und den Frauen zu wenig Durchsetzungsvermögen bescheinigt. Heute gilt Druskowitz als frühe Radikalfeministin, deren Überlegungen aber oft, gerade weil sie sehr drastische Formulierungen verwendete, nicht ernst genommen wurden, auch in der Frauenforschung. Dass sie die letzten Jahrzehnte ihres Lebens in verschiedenen Heilanstalten verbrachte, hat dazu sicherlich beigetragen. Verkannt wir dabei allerdings, dass sie mit ihren religionskritischen Überlegungen durchaus ernst zu nehmen war. Sie entwirft in ihrem Text Zur Begründung einer überreligiösen Weltanschauung eine neuen Denkansatz, der nicht auf dem Glauben an einen Gott, sondern auf Philosophie und Naturwissenschaft basiert und an die Stelle der Religion treten sollte. Leseprobe aus Die Welt der Philosophin, Aachen 1998 Als Philosophin weitgehend unbekannt, aber durch ihren
Lebenswandel bereits zu Lebzeiten auffallend, war die Österreicherin Helene
Druskowitz. Nicht nur ihre sehr deutlich zum Ausdruck gebrachte Zuneigung zu
Frauen und ihre lesbische Beziehung zu einer bekannten Opernsängerin, sondern
auch ihr Ende in einer Irrenanstalt machen sie zu einer schillernden Frau des
letzten Jahrhunderts. Helene Druskowitz wurde am 2. Mai 1856 unter dem Namen
Helene Maria Franziska Druschkovich als jüngstes von drei Kindern und einziges
Mädchen der Familie in Hietzing bei Wien geboren. Ihr Vater, sie selbst nannte
ihn Fraune Druskowitz, an anderer Stelle heißt er Lorenz, Kaufmann,
Gutsbesitzer und Kunstmäzen, starb früh an Lungenentzündung. Helene zeigte
bereits in jungen Jahren künstlerisches und wissenschaftliches Talent, das vor
allem von ihrer Mutter, Madeline von Biba, gefördert wurde. Nach
Klostererziehung und dem Abitur als Externe am katholischen Piaristen-Gymnasium
in Wien absolvierte sie eine Klavierausbildung am Wiener Musikkonservatorium. 1874 zog sie zusammen mit ihrer Mutter nach Zürich und
begann dort das Studium der Philosophie, klassischen Philologie, Archäologie,
Orientalistik, Germanistik und der modernen Sprachen, das sie 1876 beendete,
anschließend promovierte sie. Nach der Russin Stefania Wolicka war Helene 1878
die zweite Frau, die in Zürich zur Doktorin der Philosophie ernannt wurde. Das
Thema ihrer Dissertation Über Byrons ‘Don Juan’, zeigt ihr auch später noch
vorhandenes Interesse für romantische Utopien und für die englische Romantik. In den folgenden Jahren versuchte Druskowitz, sich durch
rege Publikationstätigkeit einen Namen als Philosophin und Schriftstellerin zu
machen. Nach ihrem Studium hielt sie literaturhistorische Vorträge in Wien,
München, Basel und Zürich, lebte dann als freie Schriftstellerin in Wien oder
bei ihrer Mutter in Zürich. Sie hatte Zugang zur intellektuellen Prominenz und
den literarischen Salons, wo sie auch Marie von Ebner-Eschenbach, Louise von
Francois und Conrad Ferdinand Meyer kennenlernte. Druskowitz war eine
auffallende Person, sowohl durch ihr Äußeres, als auch durch ihre fundierte
Bildung und ihre scharfsinnigen Bemerkungen. 1881 veröffentlichte sie ihre erste schriftstellerische
Arbeit, eine Tragödie mit dem Titel Sultan und Prinz. Darin geht es um die
leidenschaftliche Beziehung eines jungen Mannes zu seiner Schwiegermutter, ein
Thema, das in der Gesellschaft als geschmacklos galt, weshalb das Stück auch
nie aufgeführt wurde. Druskowitz befaßte sich nach diesem Mißerfolg stärker mit
Literaturwissenschaft und Philosophie, wahrscheinlich war sie auch als
Musikkritikerin tätig. Das zeigt auch ihre nächste Publikation ein Essay über den
Dichter Percy Bysshe Shelley, das sie 1884 vorlegte. In dieser, von C.F. Meyer
als „gewissenhafte Arbeit“ bezeichneten Abhandlung, idealisiert Druskowitz
Shelley zwar als Dichter und Mensch, analysiert sein Leben und Werk aber
durchaus kritisch. Außerdem unterstreicht sie auch die Bedeutung seiner beiden
Ehefrauen Harriet und Mary für seine Arbeit. Ähnlichen Inhalt hat auch der ebenfalls im Jahr 1884
erschienene Sammelband Drei englische Dichterinnen, in dem sich Druskowitz mit
George Eliot, Elizabeth Barrett-Browning und der schottischen Dramatikerin
Joanna Baillie befaßt. Ihre Analysen zeigen eine profunde Kenntnis von Leben
und Werk der behandelten Dichterinnen. Die Gradwanderung zwischen subjektivem
Engagement und kritischer Distanz gelingt ihr durchaus und sie zeigt auch hier
ihre Fähigkeit, wissenschaftliche Inhalte in einer literarisch ansprechenden
Form darzustellen. Im gleichen Jahr, das sicherlich zu ihren produktivsten
zählt, lernte Druskowitz den Philosophen Friedrich Nietzsche kennen, der sie
anfangs sehr beeindruckte. Daß auch sie auf Nietzsche Eindruck gemacht haben
mußte, zeigt, daß er sie und ihre Übersetzung Swinburnes in einem Brief an
seine Schwester erwähnt. Die Bewunderung von seiten Druskowitz’ änderte sich
doch nach eingehender Beschäftigung mit seinem Zarathustra schnell. Sie
kritisierte zwar nicht seine schriftstellerischen Fähigkeiten, sprach ihm
jedoch philosophische Originalität ab. Sie wirft Nietzsche vor, die von ihm
aufgeworfenen Probleme nicht eingehend zu behandeln, sondern sich nur in
Andeutungen und Metaphern zu ergeben „er gefällt sich überhaupt mehr in der Rolle
eines wissenschaftlichen Aufgabenstellers als eines wissenschaftlichen
Arbeiters.“ Solche Äußerungen sind sicherlich auch der Grund für die
ungerechten und diffamierenden Kommentare, die Nietzsches Biographen später
über Druskowitz abgaben. Vor allem ihre Arbeit als Übersetzerin von Swinburnes
erotischen Gedichten gab ihnen Anlaß für bösartige Unterstellungen hinsichtlich
ihrer sexuellen Phantasien. Veröffentlicht wurde ihre Kritik an Nietzsche in dem Essay
Moderne Versuche eines Religionsersatzes, das sie 1886 unter dem
geschlechtsneutralen Namen Dr. H. Druskowitz veröffentlichte. Die bei
Druskowitz sehr häufige und vor allem abwechslungsreiche Verwendung von
Pseudonymen, wie H. Sakkorausch, H. Foreign oder Ventravin wird von der
Forschung sehr unterschiedlich bewertet. War es Spielerei, Inkognito oder
verdrängte Weiblichkeit? Wahrscheinlich steht hinter der Wahl dieser
Pseudonyme das Scheitern ihres Versuches, sich als Schriftstellerin und
Philosophin einen Namen zu machen. Ein Jahr später erschien der Nietzsche-Text noch einmal
unter dem Titel Zur neuen Lehre, erweitert um ihre Auseinandersetzung mit den
religionskritischen Ansätzen von Auguste Comte, Feuerbach, Spencer u.a. Zwei
Jahre danach veröffentlichte sie eine nochmals erweiterte Fassung mit dem Titel
Zur Begründung einer überreligiösen Weltanschauung. Der Text enthält ihre
Überlegungen zu einer neuen Weltanschauung, die auf moderner Philosophie und
Naturwissenschaft basieren solle und an die Stelle der Religion tritt. 1887 publizierte Druskowitz eine weitere philosophische
Untersuchung, Wie ist Verantwortung und Zurechnung ohne Annahme der
Willensfreiheit möglich?, in der sie sich mit verschiedenen ethischen Ansätzen
beschäftigt und sich gegen Kant und Schopenhauer ausspricht. In ihrer 1889 erschienenen Schrift würdigt sie vor allem den
Philosophen Eugen Dühring, den sie in Berlin kennengelernt hatte, und der sie
sehr beeindruckte. Dühring hatte in seiner positivistischen Theorie das Modell
einer Gesellschaft ohne Zwang entwickelt, in der es keine Unfreiheit geben
sollte. Von dieser Theorie ist auch seine Haltung zur Frauenfrage und zur
Religion bestimmt. Die Ehe beschreibt er als Zwang, der vom Mann ausgeübt und
genossen wird und die Frauen zur Sklaverei und Prostitution verurteilt.
Allerdings distanzierte sich Druskowitz scharf von seinem Antisemitismus. Der Tod der wichtigsten Bezugsperson, ihrer Mutter, 1888,
warf Druskowitz wahrscheinlich psychisch aus der Bahn. Nicht zuletzt aufgrund
des Scheiterns ihres Versuches, als Philosophin Anerkennung zu finden und aus
Geldmangel begann sie nach 1888 vor allem Komödien zu verfassen, die allerdings
so kritisch waren, daß kein Theater sie aufführte. In kurzer Folge entstanden
die Stücke Aspasia (1889, unter dem Pseudonym Adalbert Brunn), ein Jahr später zusammen
mit drei Einaktern mit dem Titel Die Emancipations-Schwärmerin und Dramatische
Scherze unter ihrem richtigen Namen wieder aufgelegt, anschließend
International, Die Pädagogin und 1891 das vermutlich nicht mehr veröffentlichte
Drama Leonie. Das Thema Frauenstudium war Gegenstand ihrer Komödie Die
Emanzipations-Schwärmerin. Ihre Hauptfigur, die Medizinstudentin Dora Hellmuth,
ist eine positive Ausnahmefrau an der Universität, die sich sowohl von den
eifersüchtigen Männern als auch von den Frauen, die nach Druskowitz’ Vorwurf
die Universität nur besuchten, um dort Unruhe über die Frauenfrage zu stiften,
wohltuend unterscheidet. Deshalb kann sie auch ungehindert ihr Studium
absolvieren und wird als Ärztin ernst genommen. Druskowitz war keine Revolutionärin
für die Sache der Frauen. Sie erkannte zwar die Benachteiligungen, war aber der
Überzeugung, daß die Frauen durch den Beweis ihrer Fähigkeiten den
Diskriminierungen der Männergesellschaft entgehen könnten. |
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